Donnerstag, 14. Mai 2015

Abenteuer Marokko





Unser Abenteuer Marokko und wie es dazu kam....

Wir liegen in einer schönen Bucht im Süden Gran Canarias vor Anker, als ein großes Zollschiff in der Nähe auf stoppt und ein Beiboot, besetzt mit 4 Offiziellen, auf uns zu braust. Zwei Zöllner kommen an Bord, nehmen unsere Personalien und Schiffsdaten auf und weisen uns darauf hin, dass wir bei längerem Aufenthalt ( über 180 Tage) auf den Kanarischen Inseln als "residente" eingestuft werden und unser Schiff einführen müssten.

Der Besuch der Zöllner hinterlässt uns einigermaßen bestürzt und betroffen. Dachten wir doch, wir befänden uns in Europa und könnten uns hier frei und ohne Beschränkung bewegen. So beginnen wir Erkundigungen über entsprechende Gesetze und ihre Handhabung einzuholen. Nach einer englischen Internet-Segelseite, die sich mit diesem Thema beschäftigt, ist nur derjenige "resident", der sich ununterbrochen auf den Kanarischen Inseln aufhält. Da ich nun regelmäßig und auch Alfons nach Deutschland flog, wir außerdem eine Wohnung unterhalten, Steuern bezahlen und unser Schiff bereits versteuert haben, sind wir nicht resident, oder ?????

Wir fragen einen Steuerberater, der den Chef der Zollbehörde von La Palma /Kanar. Insel kennt. Die Antwort: Der Zollbeamte von La Palma kennt nicht den Zettel der Zöllner aus Gran Canaria. Bei ihm auf La Palma würden wir kein Problem bekommen, aber er rät uns vorsichtshalber für 2 Tage das Land zu verlassen !........so weit - so unklar.....

So reift in uns allmählich der Entschluss,  nach Marokko zu segeln. Der südlichste Hafen Marokkos Tarfaya, nahe der West-Sahara, liegt in Tagesdistanz zu Fuerteventura. Nur gibt es keine genauen Hafenpläne und auch sonst liegen keinerlei Erfahrungen von anderen Seglern vor. Bekannt ist, dass der Meeresboden vor der Küste von 1000 auf 30 Meter ansteigt, dadurch bei Seegang hohe Dünung entsteht und der Hafen zum Versanden neigt. Eine Fährverbindung, die für kurze Zeit zwischen Tarfaya und den Kanaren bestand, wurde aufgegeben, weil die Fähre vor der Küste nach einem missglückten Hafenablegemanöver strandete.

Wir müssen also sehr auf ruhiges Wetter achten und bei Tageslicht ankommen. Als uns ein Schweizer Paar mit seiner Segelyacht begleiten will, ist der Plan perfekt. Um 6 Uhr morgens starten wir mit 2 Schiffen bei wunderbarem Segelwetter von Fuerteventura zur marokkanischen Küste. Auf halber Strecke setzen wir die Gastlandflagge und die gelbe Quarantäneflagge. Erst sehr spät kommt die flache sandige Küstenlinie in Sicht. Beim Näherkommen  entdecken wir  die gestrandete Fähre, die nahe des Ortes auf dem Sand liegt. Trotz der moderaten Windverhältnisse rollt eine 1m hohe Dünung auf die Küste zu und lässt  unsere Murada tüchtig rollen. Die Einfahrtstonne und auch sämtliche weiteren Tonnen sind weder in einem Seekartenprogramm noch in der Internetveröffentlichung für diesen Hafen richtig angegeben. Ein abenteuerlich aussehendes, voll mit Material und Menschen bepacktes Fischerboot, weist uns den Weg. Wir tasten uns also langsam, stets auf die Tiefe achtend in den Hafen.

Unser erster Eindruck: hier wird heftig gebaut und gebaggert. Eine neue Hafenmole ist am Entstehen und Bagger machen aus Land erst Hafenfläche. Freundlich winken uns die Arbeiter weiter in den Hafen hinein und wir machen an einer Schute fest, inmitten der Baustelle und zwischen Bugsierschiffen, Schuten und Fischtrawlern.

Wir sind die Attraktion des Tages. Freundliche Gesichter, helfende Hände strecken sich uns entgegen. Wir haben gerade das Schweizer Paar mit seiner Segelyacht  neben uns ins Päckchen genommen, als 4 Offizielle darum bitten an Bord kommen zu dürfen. Unsere Unterlagen werden gecheckt, Papier beschrieben und ein Stempel in die Reisepässe gedrückt. Die Verständigung  in französischer Sprache funktioniert prima und wir werden in Tarfaya willkommen geheißen, sollen aber noch eine Stunde das Schiff nicht verlassen.  Kurze Zeit später wissen wir auch warum, denn es  besuchen uns noch der Drogenspezialist mit Hundeführer und Drogenhund.

Uns ist aber sowieso noch nicht nach Landgang zumute. Erst einmal wollen wir die Eindrücke um uns herum aufnehmen. Sand soweit das Auge reicht. Ein Ort am Ende der Sandpiste. Im Hafen eine große Fischfangflotte mit 10-15 großen Fischtrawlern. Die Boote sind vollgepackt mit leeren Fischkästen, Riesennetzen und überall Männer, die freundlich herüber lachen und den Daumen in die Höhe strecken. Wir lachen zurück, wechseln hier und da ein paar Worte. Mit einsetzender Dämmerung verlässt ein Schiff nach dem anderen den Hafen. Wir zählen 15-20 Männer pro Schiff. Wir fallen an diesem Abend erschöpft von der Überfahrt und den vielen Eindrücken in die Koje und in der Nacht senkt sich eine wohltuende Stille über den Hafen.  

Am nächsten Morgen kehren die Fischer mit ihrem Fang zurück. Sardinen werden hier in großen Mengen angelandet. Kiste über Kiste werden die Fische Hand über Hand in einer Menschenkette von Bord gehoben. Ein großer Förderkran lädt ein Teil des Fanges direkt in LKWs. Wie wir später erfahren, werden die Sardinen teilweise zu Fischmehl verarbeitet. Es herrscht geschäftiges Treiben um uns herum. Die Männer scheinen nicht nur auf den Schiffen zu arbeiten, sondern auch dort zu schlafen. Wir erkennen unter den Fischkisten viereckige manngroße Kästen und Hängematten.

Alfons und ich machen uns nun im Wechsel mit dem Schweizer Paar auf den Weg in den nahen Ort. Wir essen gegrillte Sardinen mit Zwiebeln und Brot direkt an der Straße, trinken einen Tee, kaufen in den kleinen Läden Obst, Gemüse, Brot und Tee und schaffen es nicht unsere umgetauschten 10 Euro auszugeben, so preiswert ist hier alles. Wir kommen mit unserem Französisch gut zurecht, die Menschen sind freundlich, die Männer sitzen beim Tee, Frauen sieht man nur wenige auf der Straße. Ein kleines Mädchen winkt mir verstohlen zu, einige Jungen begleiten uns und sind neugierig, woher wir kommen. Die meisten Männer sind zu Fuß unterwegs, als Transportmittel sehen wir einen Pferdekarren und noch viele Eselkarren, dreirädrige Motorräder mit Ladeflächen, auf die die Männer aufspringen und mitfahren. Klapprige Autos stehen als Taxi bereit. Es bettelt uns keiner an und es gibt auch keine Bettler im Ort. Alles wirkt ruhig, geschäftig und entspannt. Unser Immigration Officer kommt freundlich auf uns zu und weist uns stolz auf das Antoine de Saint Exupery Museum in Tarfaya hin. Der durch sein Werk "Der kleine Prinz" bekannt gewordene Schriftsteller und Pilot Saint-Exupery lebte hier 2 Jahre und arbeitete in dieser Zeit als Flugplatzchef in Tarfaya. Als wir das kleine Museum besuchen möchten ist es leider geschlossen. Wer sollte es auch besuchen ? Wir sind hier noch keinem einzigen Touristen begegnet. Um 2 Uhr ruft der Muezzin vom Minarett, die Läden werden geschlossen und es ist Mittagsruhe. Auch wir machen uns auf den Weg zurück an Bord und verbringen einen gemütlichen Abend. 






Am nächsten Morgen, pünktlich wie verabredet, besucht uns wieder unser freundlicher Immigration Officer und drückt erneut einen Stempel  in die Pässe. Wir bedanken uns für die freundliche Aufnahme in Tarfaya mit Büchern und Karten von den Kanarischen Inseln, was ihn sichtlich interessiert und erfreut. Als dann auch der Drogenhund erfolglos seine Schnüffelei beendet hat, verlassen wir winkend den Hafen.

Die Überfahrt von Tarfaya nach Furteventura verläuft entspannt. 20sm von der marokkanischen Küste entfernt werden wir auf Kanal 16, dem UKW Notrufkanal angerufen und um Mithilfe gebeten, bei der Suche nach einem Holzboot mit 18 Flüchtlingen Ausschau zu halten. Die Sicht ist gut, aber wir können weit und breit kein solches Boot erkennen. Auch im Hafen von Tarfaya ist uns nichts aufgefallen, was auf ein Flüchtlingsboot hingewiesen hätte.  Über uns fliegt ein SAR Flugzeug  in Schleifen die Umgebung ab. Noch vor einsetzender Dämmerung erreichen wir Gran Tarajal auf Fuerteventura. Auch am nächsten Tag geht die Suche nach dem Flüchtlingsboot weiter, wir wissen nicht, ob es je gefunden wurde oder überhaupt unterwegs war.
Inzwischen sind wir nach Las Palmas auf Gran Canaria gesegelt, liegen hier mit anderen schon befreundeten Seglern und erholen uns von unserem für uns spannenden Abenteuer mit intensiven Eindrücken. Auch wenn die Fahrt nach Marokko vielleicht  nicht unbedingt notwendig war, die meisten Segler sehen die Sache mit dem Zoll hier entspannt, sind wir doch sehr froh darüber, nun das nächste halbe Jahr auf den Kanaren genießen zu können und eine Reise wert war Tarfaya in jedem Fall.
In den nächsten Tagen werden wir das Schiff einer gründlichen Reinigung unterziehen und das ein und andere ist wieder zu tun. Nach fast einem Jahr Leben an Bord ist mal wieder Durchräumen und Sortieren angesagt, auch ein Wäscheberg hat sich angesammelt. An das Sortieren der vielen Bilder mag ich gar nicht denken.