Mittwoch, 12. August 2015

Gipfelbesteigung









Gipfelbesteigung Teide Teneriffa, 4. und 5. August 2015

Der Wecker klingelt um 7 Uhr. Wir sind gut ausgeschlafen, frühstücken gemütlich und fahren gegen 8 Uhr mit dem Bus nach Los Christianos im Süden Teneriffas, denn nur von dort und von Puerto de la Cruz gibt es eine Busverbindung zum Teide Nationalpark.

Um 11.20 Uhr erreichen wir den Einstieg unserer Wanderung im Nationalpark des Teide an km 40,5 in 2350m Höhe. Ein breiter Fahrweg führt ab hier stetig bergan. Es weht ein leichter Wind, der die starke Sonneneinstrahlung bei wolkenlosem Himmel erträglich macht. Desto höher wir gehen, desto mehr öffnet sich der Blick über den nördlichen Teil der Insel. Wir erkennen deutlich unter uns das Orotava Tal, das bis Puerto de la Cruz führt, La Laguna und das nordöstlich liegende Anaga Gebirge. Am Montana Blanca, einem runden Bergrücken aus beigem Bimsstein,  legen wir eine Rast ein.
  
Inzwischen ist es fast 14 Uhr und die Sonneneinstrahlung setzt uns zunehmend zu. Zudem ist nun der normale Wanderweg zu Ende und unser Blick geht eine "senkrechte" Wand nach oben. Lavabrocken in verschiedenen Schattierungen und kein Weg ist zu erkennen. Stecknadelgroße Punkte ganz oben am Hang, die sich bewegen, lassen auf Kletterer schließen. Unvorstellbar, da sollen wir rauf? Unmissverständlich weist ein Schild in Richtung des weiteren Anstiegs. Schritt für Schritt in Serpentinen, der Blick ist nur auf die Füße gerichtet, geht es bergauf.  Mit zunehmender Höhe wird die Luft dünner, das Herz schlägt heftiger. Nach einigen Schritten halten wir an, tief ausatmen, Kreislauf beruhigen, im Schneckentempo tragen uns unsere Füße über Lavageröll Meter um Meter bergan.

Einige Wanderer sind auch auf unserem Weg, folgen uns, einige überholen uns. Wir kommen ins Gespräch. Alles erfahrene Wanderer, wie es scheint, aber auch alle anderen schnaufen sich sehr langsam den Lavastrom aufwärts. Außer dem eigenen Körpergewicht ist noch das Gepäck mit jedem Schritt zu stemmen. Alfons trägt einen Rucksack mit 10kg und ich mit 7kg Gewicht auf dem Rücken. Insgesamt haben wir 7l Flüssigkeiten, Brote, Obst, Nudelgerichte, Schlaf und Waschzeug, warme Kleidung, Regenjacke und Kopflampe dabei.

Das Refugio, eine Berghütte, in der wir übernachten wollen, verfügt über: Gemeinschaftsschlafräume, Aufenthaltsraum, Küche mit Kochgelegenheit, sanitäre Anlagen, keine Duschen. Es gibt kein Trinkwasser, aber Getränkeautomaten, die Bettwäsche wird gestellt, Müll ist wieder mitzunehmen.

Nach ca. 3 Stunden steilem Anstieg, das Refugio liegt auf 3260m Höhe,  kommt unvermittelt hinter einem Lavarücken die Berghütte in Sicht. Geschafft!!!!  Um 17 Uhr öffnet der Hüttenwart und wir können einchecken. Wir kochen uns den mitgebrachten Nudeleintopf, das warme Essen tut gut.

Der Abend vergeht mit netten Gesprächen und dem Blick über die umliegende Bergwelt bis hinunter ins Tal. Die Straße, auf der wir mit dem Bus angefahren sind, ist kaum zu erkennen. Unglaublich, welche Höhe wir zurückgelegt haben. Der Höhenrücken Gran Canarias lugt über den tief hängenden Wolken hervor. Mit der untergehenden Sonne, die in unserem Rücken hinter dem nächsten Bergkamm untergeht, entwickelt sich ein herrliches Schauspiel. Der hinter uns liegende Teide Gipfel bildet einen Schatten auf dem gegenüberliegenden Berg. Die Fotokameras werden gezückt. Der Himmel vollführt sein Farbenspiel in verschiedenen violett und blau Tönen, bis sich die Sterne immer deutlicher abzeichnen. Sie scheinen zum Greifen nah. Draußen wird es jetzt allmählich kalt, das Thermometer ist auf 8 Grad gesunken und nach und nach verholen sich die Wanderer in ihre Betten. 

Wir haben das Glück, "nur!" in einem 6 Bett Zimmer ( 3 Etagenbetten ), dem kleinsten Schlafraum zu nächtigen. Aber dank der " musikalischen Betten ", die bei jeder Bewegung quietschen und schwingen, haben wir eine recht kurze Nacht. Bemerkung meines praktischen Skippers: wenn wir das noch einmal machen, bringe ich einen Schraubenschlüssel mit !
Um 4 Uhr am Morgen stehen wir auf, frühstücken und stolpern um 5 Uhr mit Hilfe der Kopflampe den Lavaberg bergauf. Trotz der kurzen Nacht fühlen wir uns frisch und haben uns gut an die Höhe gewöhnt. Wir kommen an einer Stelle vorbei, wo heißer Wasserdampf aus den Steinen aufsteigt. Nach einer Stunde Aufstieg erreichen wir die Bergstation der Seilbahn. Der Durchgang zum letzten Stück des Teide ist zu dieser Zeit noch uneingeschränkt geöffnet und wir machen uns als eine der Ersten an diesem frühen Morgen an den Aufstieg. Anfangs auf breiterem Pfad und über hohe Stufen windet sich der Weg nach kurzer Zeit immer enger und steiler bergauf. Wir klettern auf die höchste Spitze des Kraterrandes. Steil fällt sie an einer Stelle in die Tiefe. Noch ist es finster und Alfons muss mir gut zureden, weiter zu klettern. Zu steil und filigran erscheint mir die Kraterspitze, zu tief und schwarz der Abgrund. Auch steigen immer stärkere Schwefeldämpfe in die Nase. An mehreren Stellen am Berg gasen die Dämpfe aus. Vorsichtig tasten wir uns Schritt für Schritt, uns immer an den Berg haltend, bergauf und sind nach einer letzten steilen Kurve plötzlich oben angekommen. Schon während des Aufstiegs hat uns ein eisiger Wind zugesetzt und wir suchen uns ein möglichst windgeschütztes Eckchen, um den Sonnenaufgang zu erleben.



Wir müssen auch nicht lange warten. Die Sonne beleuchtet zuerst die über dem Horizont hängende Wolkendecke, bevor sie sich blutrot über den Horizont und zwischen die Wolkendecke schiebt. Aber noch spektakulärer ist das, was sich hinter unserem Rücken vollzieht. Nur für einige wenige Minuten und in dem Moment, als die Sonne erst ein Drittel über dem Horizont steht, wird der Schatten der Kraterspitze sichtbar. Er zeichnet sich als grauer Kegel in die hinter uns liegende Dunstwolke der Insel ab. Ein wunderbares Schauspiel, ein wunderbarer Augenblick. Die Erde zeigt sich in ihrer unwahrscheinlichen Schönheit und Größe. Die Natur ist ein wahrer Künstler!






Einige Zeit halten wir noch aus, aber zu sehr durchgefroren machen wir gerne den nächsten Wanderern Platz. Zum Glück gestaltet sich der Abstieg nicht annähernd so schwierig wie der Aufstieg. Der Weg ist nun gut erkennbar und die Sonne lässt eine erste Wärme erahnen.
Schnell haben wir wieder die Bergstation der Seilbahn erreicht. Hier kann man die Bergwanderung gut beenden und ins Tal fahren. Auch kann man den gleichen Weg über das Refugio wieder zurückwandern und hat damit ein wunderbares Erlebnis.
Da Alfons und ich noch den ganzen Tag vor uns haben, unser Bus erst um 16 Uhr wieder zurückfährt, entschließen wir uns zu einer längeren Wanderung hinab über die Roques de Garcia zum Parador Parkplatz der Busstation. Wir beginnen auf einem für die Seilbahntouristen schön gepflasterten Weg zum Aussichtspunkt des Pico viejo, einem zweiten, viel größeren Krater mit einem Durchmesser von 800m und wunderbarem Farbenspiel. Die gerade aufgegangene Sonne wirft ihr Licht und beleuchtet die verschiedenen Erd- und Steinfarben.
Von diesem Aussichtspunkt startet die Wanderung. Sie ist als extrem schwierig ausgewiesen. Das Problem, der Weg fängt begehbar an und als die Kletterpartie beginnt, wollen wir nicht mehr umkehren. Was nun folgt ist keine Wanderung mehr. Wir klettern über einen dunklen Lavageröllhang, der jeder Bergziege gut gestanden hätte. Nur anhand von immer wieder aufgeschichteten Steinhäufchen ist der Weg erahnbar. Nach ca. 2 Stunden Kletterei erreichen wir den Sattel zwischen den beiden Kratern des Teide und des Pico Viejo. In dem
angenehmen, geraden Sattelstück zwischen den Vulkanspitzen wird es warm, wir verstauen die warme Kleidung in den nun schon recht leeren Rucksäcken.
Der nun folgende Weg 23 ist wieder als extrem schwierig ausgeschrieben und wird für uns nicht wegen der Wegstrecke, sondern seiner Länge zu einer echten Herausforderung. Wir durchwandern kleine ginsterbewachsene Täler, kommen an riesigen Lavabomben vorbei, um wieder einen Lavahang vor uns zu haben. Der Weg scheint kein Ende zu nehmen, stundenlang und mutterseelenallein setzen sich kleine Talstrecken mit dem Überqueren des nächsten Lavarückens fort. Immer denken wir, das müsste jetzt der letzte Lavahang sein, da folgt ein neues Tal. Längst sind unsere Kräfte am Ende und doch gibt es keinen Ausweg als Schritt für Schritt weiter abwärts zu gehen. Ich denke an unsere bevorstehende Atlantiküberquerung. Auch dort gibt es einen Punkt "no return". Die Temperatur wird mit jedem Schritt abwärts wärmer und nur ein immer wieder aufkommender leichter Wind gibt neue Kraft. Die Konzentration ist nur noch auf den Weg gerichtet, auf das Setzen der Füße. Die Aufmerksamkeit darf nicht nachzulassen. Eine Rettung aus dieser Lavawüste wäre nur per Hubschrauber möglich.
Zu guter Letzt erreichen wir unseren Bus mit einer halben Stunde Restzeit. Wir sind in 10 Stunden 470m aufgestiegen und von 3714m auf 2100m hinuntergeklettert.
Erschöpft und müde lassen wir uns von den Bussen nach Hause fahren und fallen todmüde in unsere Betten.
Fazit: den extrem schwierigen Abstieg über den Pico viejo kann man nur sehr fitten Sportlern empfehlen und auch dann ist er noch eine echte Herausforderung.
Wir sind froh, dass unsere alten Knochen und Gelenke diese Belastung ausgehalten haben!
Ein lautes "aua" ist seit gestern bei jeder Bewegung zu vernehmen und jede Bewegung abwärts ist nur unter Schmerzanstrengung möglich, unsere Blasen an den Füßen tun ihr Übriges. Ihr seht, es geht uns ganz schön schlecht!?! aber selber Schuld !!!!!!
Trotz aller Anstrengung oder gerade wegen ??? wird uns diese Wanderung, zu Fuß den Gipfel des Teide erklommen zu haben als überwältigendes Erlebnis in Erinnerung bleiben.