Montag, 23. Mai 2016

Die schwarze Lederschildkröte




Schildkröten faszinieren uns schon während unseres gesamten Aufenthaltes in der Karibik. Auf fast allen Ankerplätzen tauchen neben unserem Schiff immer wieder Meeresschildkröten auf. Wir können die Tiere bei unseren Schnorchelgängen beobachten. Ihr ruhiges, gemächliches Verhalten, ihre gleitenden Bewegungen unter Wasser, die schöne Maserung ihres Panzers zieht uns immer wieder in ihren Bann.

Hier auf Grenada erhalten wir die einzigartige Gelegenheit, die Lederschildkröte zu beobachten.

Dazu erfahren wir:

Die Lederschildkröte ist die größte lebende Schildkröte. Die Tiere erreichen eine Panzerlänge von bis zu 2,5 Metern und ein Gewicht von beinahe 700 Kilogramm. Sie leben in den großen Ozeanen der Erde und legen auf ihren Wanderungen von ihren Nistplätzen bis zu ihren Futtergründen bis zu 7500 Kilometer zurück.  Forscher fanden heraus, dass Lederschildkröten bis zu einer Tiefe von 1200m abtauchen können. Sie sind reine Meeresbewohner und die männlichen Tiere verlassen das Wasser nie. Die weiblichen Tiere werden mit ca. 15 Jahren geschlechtsreif und müssen zur Ei-Ablage an Land. Sie kehren dann an den Platz ihrer Geburt zurück. Von Februar bis Juni steigen die Schildkröten aus dem Wasser, um ihr Gelege im Sand zu vergraben. 

Ein beeindruckendes Naturschauspiel, das sich an nur wenigen Orten der Welt beobachten lässt. Im Nordosten von Grenada ist solch ein Strandabschnitt.

Wir erhalten die Gelegenheit an einer Führung teilzunehmen und fahren mit einer kleinen Gruppe von Seglern in den Nordosten Grenadas. Dort angekommen erklärt uns Maxim, unser Guide, alles Wissenswerte über die Tiere und ihre Organisation. Der Strandabschnitt der Ei-Ablage steht unter Naturschutz und wird streng bewacht. Rund um die Uhr sind  junge Wissenschaftler vor Ort, achten darauf, dass die Schildkröten nicht gestört werden und vor allem, dass die ausgeschlüpften Jungtiere wohlbehalten das Wasser erreichen. Die Muttertiere werden vermessen und markiert.

In gebührendem Abstand zum Strand wartet unsere Reisegruppe ruhig und entspannt, was wohl geschehen wird. Es ist eine Vollmondnacht mit lauem Wind.  Obwohl es in der Karibik auch in der Nacht mit 25 Grad noch warm ist, fangen wir an, uns die mitgebrachten Jacken anzuziehen. Die Stunden vergehen. Außer dem Rauschen des Meeres und ab und zu einer Wolke, die sich über den Vollmond schiebt, rührt sich nichts. Jungfräulich und still liegt der Sandstrand im Mondlicht. Die Naturschützer gehen mit Rotlichtlampen am Strand entlang. Wir warten weiter, unterhalten uns flüsternd. Gegen ein Uhr morgens, als wir die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben haben, in dieser Nacht noch Tiere zu sehen, taucht ein schwarzer Schatten am Strand auf.


Mit einer enormen Kraftanstrengung schiebt sich eine schwarze Lederschildkröte Schub für Schub den flachen Strand hinauf. Die Schildkröte hat eine Länge von 1,5 Metern. Ihr Panzer ist langgestreckt und läuft hinten spitz zu. Auf dem blau-schwarzen Rücken sind deutlich sieben verdickte Knochenplatten zu sehen.  Weit genug vom Meer entfernt und weiter oben am Strand findet das Tier einen geeigneten Platz und drückt sich eine Kuhle in den Sand. Die Schildkröte richtet sich mit dem Blick zum Meer aus. Indem sie sich mit ihren Vorderpaddeln fest im Sand fixiert, gräbt sie mit ihren Hinterpaddeln ein tiefes Loch. Schnaufend legt die Schildkröte ungefähr 50 bis 100 Eier hinein. Nach getaner Arbeit bedeckt sie ihr Gelege mit Sand. Dabei drückt sie mit ihren Hinterbeinen den Sand  so fest, dass eine platte, begehbare Sandoberfläche zurück bleibt.  Mit letzter Kraftanstrengung schiebt sich die Schildkröte nach getaner Arbeit zurück ins Meer.

Tief beeindruckt beobachten wir dieses Naturschauspiel. Wir sind uns der Einzigartigkeit des Moments bewusst.  

Trotzdem oder gerade deshalb bleibt eine Betroffenheit zurück. Uns ist sehr bewusst, dass der Mensch die größte Bedrohung für diese Tiere darstellt. Die Fischerei mit großen Treibnetzen  und der im Meer treibende Müll werden den Tieren immer wieder zum Verhängnis. Die Tiere ernähren sich von Quallen und halten im Meer treibende Plastiktüten für Nahrung.

Uns bleibt nur zu hoffen, dass die Schutzbemühungen zum Erfolg führen und diese einzigartigen Tiere in ihrem Bestand erhalten werden können.