Dienstag, 20. März 2018

Cuba, der Versuch einer Bestandsaufnahme





Seit 6 Wochen leben wir in Cuba. Wir liegen mit unserer Murada vor Cienfuegos und Cayo Largo vor Anker. Von Cienfuegos aus fahren wir nach El Nicho, baden in den mehrstufigen Wasserfällen des Rio Hanabanilla im Escambray Gebirge. Wir besuchen Trinidad, die Stadt der Schaukelstühle und das noch ursprüngliche Santa Clara. Wir kommen durch Cumanayagua, einen ländlichen Ort im Herzen Cubas, in dem noch Pferdefuhrwerke das Strassenbild bestimmen. Wir fahren nach Havanna, streifen durch die schon restaurierte Altstadt und sind sprachlos über den Verfall bis zum Zusammenbruch von ehemals herrlichen alten Häusern ein paar Strassen weiter. Wir schlendern bei Sonnenuntergang über den "malecon", die marode Uferpromenade und tauchen im legendären "Tropicana" ins Nachtleben von Havanna ein. Nach dem trubeligen Stadtleben machen wir uns auf den Weg in das Tal von Vinales. Das ertragreiche Tabakanbaugebiet mit seiner faszinierenden Landschaft ist Unesco Weltnaturerbestätte. Mogotes, große Kalksteinmonolithe, liegen verstreut vor der Gebirgskette der Sierra de los Organos. Die "guajiros", Landarbeiter, ziehen an einer Zigarre rauchend, wie vor 100 Jahren einen Pflug von Ochsen durch ein rostrotes Tabakfeld. Wir sitzen auf der Terrasse unserer casa mit einem herrlichen Blick auf die Berge und die nachbarschaftliche Bautätigkeit.

Was wir sehen ist eine Insel in Aufbruchstimmung.
Neben Pferdefuhrwerken fahren die ersten Elektroroller und Elektroautos. Und überall wird angebaut und aufgestockt. Wer eine "casa particular" eine Privatunterkunft vermieten kann, verdient mit einer Übernachtung so viel wie ein Arbeiter im ganzen Monat. Wer an die Touristenwährung CUC kommt, kann sich in ganz kurzer Zeit sehr viel mehr leisten.
Da verwundert es nicht, dass die Methoden, an die begehrte Währung zu gelangen, immer dreister werden. Selbst an der Kasse im Einkaufsladen wird für ausgezeichnete Ware eben mal 25 Prozent mehr verlangt, im Touristenbus erhält man für 2 Personen nur eine Fahrkarte oder auch mal gar keine. Hier scheint das kollektive Wegschauen und das in die eigene Tasche arbeiten kultiviert und ohne Folgen möglich. Leider sind unsere Erfahrungen nicht immer erfreulich. Noch scheint das Maß aller Dinge nicht ausgelotet. Die Dreistigkeit scheint auf dem Vormarsch, das schnelle Geld winkt, der ahnungslose Tourist wird gnadenlos ausgenutzt.

Wir sind dicht an die Cubaner herangekommen, haben viel gesehen und erfahren, haben viele Fragen gestellt. Wir haben gelernt, mit und wie die Cubaner anzustehen. Man fragt nach " ultimo", dem Letzten in der wartenden Menschentraube. Wir haben gelernt, dass das Warten manchmal lange dauern kann und auch die weiter entfernt stehenden Gruppen im Schatten noch vor einem dran sind. Wir werden aber wohl nie die schier unendliche Geduld der Cubaner verstehen lernen. Wir haben Restaurants und Bars gefunden, die nur von Einheimischen besucht werden. Auf der Suche nach Lebensmitteln haben wir die Läden durchstreift und gelernt sofort zuzuschlagen, wenn das Gewünschte erst einmal vorhanden ist. Wir haben erfahren, dass allen Menschen in Cuba eine Grundversorgung zusteht. Diese Grundversorgung reicht nicht aus, um im Alter gut leben zu können. So arbeitet im Hafenbüro der ehemalige Dollmetscher Fidel Castros als Hafenmeister. Reisen ist zwar inzwischen theoretisch möglich, aber für den normal verdienenden Cubaner ist alleine der Flug unerschwinglich. Der Durchschnittslohn vom Fabrikarbeiter bis zum Arzt beträgt ca. 25 CUC. Wohnung, rationierte Lebensmittel, Bildung und Gesundheitswesen werden vom Staat abgedeckt. Handys sind inzwischen so weit verbreitet wie überall auf der Welt. Es gibt aber nur wenige Möglichkeiten ins Netz zu kommen. Sieht man auf einem Platz eine Handy bedienende Menschentraube, kann man sich getrost dazu stellen und unter Einsatz der zuvor erworbenen Internetzugangskarte die neusten Nachrichten herunter laden.

Am staunenden Betrachter wandern mal eben 100 Jahre Zeitgeschichte auf engstem Raum und in kürzester Zeit vorbei. Da fährt das Pferdefuhrwerk neben dem neuen, aus China importierten Elektroroller. Wenn die Cubaner es schaffen, so fließend in die Neuzeit umzusteigen, macht das Hoffnung. Hoffnung, dass sie viele unserer Fehler auslassen!? Das einzige Kernkraftwerk wurde wegen Geldmangels nie fertig gestellt.

Wir werden diese Insel mit ihren Schätzen im Auge behalten und ihre politische Entwicklung weiter verfolgen. Wir wünschen den Menschen in Cuba, dass sie ihre sozialen Errungenschaften erhalten oder sogar verbessern können und dass sie es schaffen alle am Aufschwung zu beteiligen. Es wäre diesem Volk zu wünschen. Es hat sich in entbehrungsreichen Zeiten zusammengerauft und gegenseitig unterstützt, ein wunderbares Erbe mit viel Liebe zusammengeflickt und weitestgehend erhalten, aus der Not eine Tugend gemacht, sich ihre wunderbare Musik und Lebensfreude erhalten und ihren Stolz nicht verloren. Viva Cuba!